Zunächst an dieser Stelle eine Entschuldigung, eigentlich hatte ich unseren Lesern diesen Testbericht zum
Lenovo ThinkPad X100e schon letzte Woche versprochen. Doch Apple musste ja unbedingt dieses
unsägliche neue „Feature-Produkt“ – von Insidern auch schlicht
iPad genannt – vorstellen und die Prioritätenlisten des CyberBlocs umwerfen. Nachdem sich die Wogen im Meer des Apfels geglättet haben, fand ich die notwendige Zeit, meine Gedanken und Erfahrungen zum
ThinkPad X100e aufs virtuelle Papier zu bringen. Doch bevor ich auf die profane Technik zu sprechen komme, noch eine kurze und vor allem positive Vertriebsinformation. Mittlerweile ist das kleine ThinkPad schon zu einem Preis von gerade einmal 479 Euro bei uns erhältlich. Ein schönes Beispiel für die Kurzlebigkeit innerhalb dieser Branche. Betrachtet man den ehemaligen Startpunkt von 519 Euro, so sprechen wir von einer Preisreduzierung von 40 Euro innerhalb von zwei Wochen. Doch nun zum Test…
Selten wurde ein ThinkPad so mit Spannung erwartet wie das Modell X100e. Schließlich – auch wenn Lenovo selbst vom Subnotebook spricht – sollte dieses Stück Technik die Reinkarnation eines Netbooks im klassischen ThinkPad-Gewand darstellen. Nachdem sich überzeugte Hardcore-User eher enttäuscht von der IdeaPad-Serie zeigten, glaubte man mit dem X100e den heiligen Gral gefunden zu haben. Doch ist dem wirklich so, lässt sich das ThinkPad X100e uneingeschränkt empfehlen?
Vorab ein kurzer Blick auf die
technischen Daten:
AMD Athlon Neo MV40 Prozessor (1.60 GHz)
29,5 cm (11,6") 16:9 HD LED-Display (matt), Webcam
2 GB RAM, 250 GB Festplatte, Cardreader
ATI HD3200 Grafik, WLAN-n, BT, UMTS
GPS (etwas versteckt dokumentiert)
MS Windows 7 Professional 32 Bit
Verwunderlich scheint das Zurückgreifen Lenovos auf eine AMD-Plattform zu sein, die bisher kaum merklich sich in diesem Bereich etablieren konnte. Der Rest der harten Fakten indes verspricht einen gut ausgestatten Mobilrechner, allem voran stehen hierfür Merkmale wie UMTS, GPS und ein mattes 11-Zoll-Display. Doch am Anfang steht vorab das äußere Erscheinungsbild.
Bilderstrecke: Lenovo ThinkPad X100e – Ansichten, Teil 1
Hardware und Verarbeitung
Diese Kapitel stellt ohne Frage die absolute Schokoladenseite des ThinkPad X100e dar. Das matte Finish des Gehäuses hebt sich wohltuend vom Klavierlack-Wahn der Konkurrenz ab, so finden sich auch nach längerer Zeit keinerlei Fingerabdrücke am Gerät. Überhaupt erscheint das X100e wie aus einem Guss – typisch ThinkPad halt. Einzig der herausstehende 6-Zellen-Akku vermag diesen durchweg positiven Gesamteindruck etwas zu trüben. Die Verarbeitung setzt einen sichtbaren Maßstab im Bereich der Netbooks/Subnotebooks, nichts macht einen halbfertigen oder gar billigen Eindruck. Fortgesetzt wird diese Erkenntnis auch bei der Qualität der Eingabegeräte.
Allein die Tastatur ist ein Traum! So überzeugt das X100e mit einem Keyboard im Chiclet-Design mit halb abgerundeten Tasten, die „Druckhebel“ sind dabei nicht viel kleiner als die meines schwarzen MacBooks. Hier sind auch längere Textpassagen unproblematisch zu meistern. Bei der Wahl des Mausersatzes, zeigt sich Lenovo ebenso von seiner besten und flexiblen Seite. Wie auch die großen ThinkPads verfügt das X100e über einen Trackpoint, der einem Joystick gleich benutzt wird. Eingefleischte ThinkPad-User wird dies sehr erfreuen. Doch auch ein klassisches Trackpad findet Verwendung, dieses hat eine praktikable Größe und beherrscht auch Multitouch-Funktionen (bspw. Scrollen mit zwei Fingern im Browser). Zudem besitzen die Trackpad-Tasten einen angenehmen, weichen Hub.
Bei den Anschlüssen jedoch erwarten uns keine größeren Überraschungen. Hier erhält der Kunde nur Netbook-Standardkost: 3x USB, 1x Ethernet, kombinierter Audioein- und Ausgang, Kartenleser, Kensington-Lock und VGA. Der Verzicht auf einen digitalen Monitorausgang (bspw. HDMI) ist schmerzlich, vermag das ThinkPad doch auch mit HD-Filmen umzugehen. An dieser Stelle muss man leider sagen, dass das X100e keinen allzu guten Eindruck hinterlässt, so findet sich z.B. auch keine Dockingmöglichkeit – ein zentrales Feature der größeren ThinkPads.
Bilderstrecke: Lenovo ThinkPad X100e – Ansichten, Teil 2
Das Display mit 11,6 Zoll im Format 16:9 und einer Auflösung von 1.366 x 768 Pixel brilliert mit einer matten Oberfläche. Sicherlich fehlt es etwas an Farbbrillanz und absoluter Helligkeit, jedoch auf störende Spiegelungen wird bewusst verzichtet.
Bis zu diesem Punkt hinterlässt das X100e einen durchweg positiven Anschein. Ohne Zweifel entspricht es bezüglich der Verarbeitungsqualität einem echten ThinkPad, nur bei den Anschlüssen kann es seine nahe Verwandtschaft zu den Standard-Netbooks nicht leugnen.
Erweiterbarkeit
Desgleichen ist dieser Abschnitt ein Loblied an das X100e. Die untere Gehäuseplatte ist schnell gelöst. Hiefür müssen insgesamt sieben Schrauben (normale Kreutzschlitz) gelockert werden, die übrigens im Gehäusedeckel verbleiben können. Danach erhält man Zugriff auf die wichtigsten Komponenten. So befinden sich zwei RAM-Slots im Gerät (einer bereits besetzt). Theoretisch könnte man das ThinkPad auf bis 4 GB aufrüsten, da jedoch ein 32-Bit-System zum Einsatz kommt, wird eine maximale Erweiterung auf 3 GB RAM empfohlen. Die Festplatte befindet sich auf einem entsprechenden Schlitten, der durch eine kleine Lasche unkompliziert aus seiner Halterung gelöst werden kann. Wer möchte verbaut nun eine SSD oder einen größeren Festspeicher. Ebenso erhält man Zugriff auf den SIM-Slot, denn wie schon erwähnt ist das X100e fähig 3G-Netze (UMTS) zu nutzen. Ich selber testete dies nicht persönlich aus, da meine Prepaid-Karte keine Internetflat beinhaltet, allerdings erwarte ich hier keine größeren Komplikationen.
Bilderstrecke: Lenovo ThinkPad X100e – Erweiterungen
Der Nachteil dieser Lösung ist jedoch die fehlende Flexibilität. Erlauben andere Hersteller den schnellen SIM-Wechsel (bspw. notwenig im Ausland), so muss man beim X100e doch tatsächlich jedes Mal zu diesem Zweck die gesamte Gehäuseunterseite öffnen.
GPS-Funktion
Wie in einem früheren Artikel festgestellt, verfügt das ThinkPad X100e über einen GPS-Chip. Etwas verwunderlich ist der Umstand, dass dieses Feature bisher kaum dokumentiert wurde. Der Chip zur Positionsbestimmung über Satellit befindet sich integriert im WLAN-Modul (Gobi 2000 HS-USB von Qualcomm). Im Gegensatz zu anderen Modulen (bspw. beim vom Matze getesteten Nokia Booklet) handelt es sich dabei nicht nur um eine Quasi-GPS-Funktionalität (A-GPS) die zwingend eine Mobilfunkverbindung voraussetzt, sondern um einen „echten“, unabhängigen GPS-Chip, der direkt die Satelliten „anzapft“. Um dies zu testen, musste ich hierzu kurz auf den „Raucher-Balkon“ von Cyberport ausweichen, denn wie jedes GPS-Gerät braucht es freie Sicht zum Himmel. Der erste Fix war nach wenigen Minuten erledigt, und ich konnte anschließend im dazugehörigen GPS-Enabler meine Position und die der Satelliten bestimmen. Da ich mich ebenso noch in Reichweite unseres WLANs befand, war es mir möglich auf die dazugehörige Kartenanwendung (ThinkVantage Maps) zuzugreifen, treffsicher wurde mein Standort dargestellt. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass eine solche GPS-Funktion in dieser Preisklasse einmalig ist: Daumen hoch, Lenovo!
Bilderstrecke: Lenovo ThinkPad X100e – GPS und Leistung
Leistung und Akku
Bis zu diesem Absatz kann man mit Fug und Recht behaupten, dass das X100e einen guten Job erledigt. Perfekte Verarbeitung und eine überdurchschnittliche Ausstattung präsentieren das ThinkPad im wohlwollenden Glanzlicht. Doch dieses positive Licht wirft nicht minder einen dunklen Schatten bezüglich der verfügbaren Leistung und der Akkulaufzeit. Ich verzichtete bewusst auf etwaige Benchmarkspiele, wer diesbezüglich mehr lesen möchte, dem empfehle ich den sehr ausführlichen Testbericht von Peter bei netbooked. Allein den Windows-Leistungsindex schaute ich mir im Vergleich mit einem typischen Netbook an (Asus Eee PC 1005P mit Intel Atom N450). Hierbei erzielte das X100e respektable 3,1 Punkte gegenüber den 2,3 Punkten des Eee PC. Und tatsächlich, hängt das ThinkPad an der Stromstrippe (für die Messung des Index notwendig) lässt sich verhältnismäßig zügig arbeiten. Bei Batteriebetrieb und angepassten Powermanagement indes wird das X100e auf Netbook-Leistung gedrosselt – dahin der kleine Vorsprung.
Besonders schwerwiegend liegt diese Feststellung im Magen, schaut man sich die Leistungswerte des Akkus an. Bei voller Power reicht der Strom für etwas mehr als zwei Stunden, bei angepassten Einstellungen (leicht abgedunkeltes Display, verringerter CPU-Takt etc.) erlangt man maximal drei bis vier Stunden Unabhängigkeit vom Stromnetz – wie erwähnt „rennt“ das ThinkPad X100e dann auf Netbook-Niveau. In der heutigen Zeit entspricht dies nicht mehr den Werten, die man von einem modernen, portablen Rechner erwarten sollte.
Fazit
Das Lenovo ThinkPad X100e hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Ausstattung und Verarbeitung sind nahezu untadelhaft, indes die Leistungswerte – insbesondere beim Stromverbrauch – enttäuschen. Man erlangt den Eindruck, sinnbildlich einen schicken Sportwagen zu fahren, dem leider ein zu schwacher Motor eingebaut wurde, mit Verbrauchswerten eines SUVs. Nichtsdestotrotz möchte ich eine Empfehlung aussprechen. Sicherlich, die Leistungswerte kommen nicht sonderlich über Netbook-Niveau hinaus, allein das matte Display, die fantastische Verarbeitung und Features wie UMTS und GPS wirken versöhnlich. Wer als Business-User nicht unbedingt den ganzen Tag unabhängig vom Strom arbeiten muss, der wird auch seine Freude am X100e haben. Des Weiteren macht dieses erste Modell Lust auf seine kommenden Nachfolger mit besserem Chipsatz und CPU.

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